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Sind Gesellschaften lernfähig?

Kennen Sie Volker Arzt? Der Physiker hat vor 42 Jahren zusammen mit Hoimar von Ditfurth in zwei Sendungen im ZDF auf den drohenden Klimawandel hingewiesen. Ein Interview mit ihm ist nachzulesen auf den Nachdenkseiten (⇒ hier). Seitdem wurden die Befürchtungen um die klimatischen Veränderungen Schritt für Schritt von seriösen Wissenschaftlern bestätigt und untermauert. Aber was ist in den vergangenen Jahrzehnten passiert? Sind 42 Jahre nicht genug Zeit für notwendige gesellschaftliche und politische Veränderungen? Hat man nichts daraus gelernt? Können Gesellschaften überhaupt lernen? Und wie?

Hochaktuell werden die Fragen durch die aktuelle Corona-Pandemie. Bereits bei den zurückliegenden Epidemien (Ebola, Sars, etc.) warnten Experten vor Häufungen solcher Virus-Wellen. Selbst die Finanzkrise 2009 kam nicht aus heiterem Himmel. Ein Professor namens Minsky von einer für unbedeutend gehaltenen Universität im mittleren Westen der USA schrieb ein dünnnes und erhellendes Buch und sah einen Kollaps der Immobilienfinanzierung voraus. Gelesen hat es vor der Krise kaum einer, danach war es ein Bestseller.

Wie ist diese Ignoranz gegenüber Erkenntnissen, die systemisches Denken ermöglicht, zu verstehen? Wie schaffen es die Menschen, vielfältig organisiert und vernetzt, Anzeichen für kritische oder sogar katastrophale Veränderungen (siehe Klimawandel) nicht zu sehen oder wenn doch, dann für nicht bedeutsam zu halten?

Auch dazu wissen wir seit Langem, wie wir 'ticken', handeln aber nicht sinnvoll. Freud hat vor mehr als hundert Jahren seine Theorie der Abwehrmechanismen entwickelt, nach der Menschen unangenehme und belastende Aspekte des Lebens ausblenden oder umdeuten. Paul Watzlawick hat fundamental beschrieben, wie selektiv unsere Wahrnehmung der Welt abläuft und wie verquer unsere Welt- und Menschenbilder konstruiert werden. Daniel Kahnemann hat den Nobelpreis für Wirtschaft dafür bekommen, dass er mit Amon Tversky unser Gehirn als Schauplatz des Kampfs zweier Systeme erkannte, der für eine Vielzahl von Fehlleistungen sorgt. Mit anderen Worten: Wir sind nicht sehr lernfähig.

Individuell lernfähig in Grenzen. Was ist mit Gruppen? Organisationen? Gesellschaftlichen Systemen? Globalen Systemen? Der Menschheit? Benoit Mandelbrot beschreibt die Struktur des Kosmos als Fraktale. Im Großen wie im Kleinen finden wir immer wieder dieselben Strukturen. Heißt das auch, dass wir 'im Kollektiv' genauso unfähig sind, angemessene Formen des Handelns in unserer komplexen Welt zu realisieren? 'Gemeinsam sind wir blöd' findet Fritz Simon, wenn er über die Rationalität unserer Welt spricht. Wars das?

[ich denke weiter darüber nach; machen Sie mit?]