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Ein verlorener Sinn muss nach Meinung etlicher Forscher und Praktiker wiederentdeckt und genährt werden. Unsere Kinder wachsen dermaßen behütet und umsorgt auf, dass sie kein Gefühl mehr für Risiken und den Umgang damit entwickeln können. Mit dem Erwachsenwerden wird altersbedingtes risikoreiches Verhalten (risky shift) gefährlich und zerstörerisch: man kennt und erkennt seine Grenzen nicht und überschreitet diese, oft mit schwerwiegenden Folgen.

HK

Der Risikosinn entwickelt sich bei Kindern ganz einfach: draussen. Kinder, die sich in der Natur an Risiken herantasten, werden robuster, flexibler und bewusster, was ihr eigener Körper kann und was nicht und wie soziale Gefüge funktionieren, so die Verhaltensforscherin Nguyen aus Kalifornien (SZ Nr. 126/2019). In den USA findet eine Rückbewegung von langweiligen aber haftungssicheren gated playgrounds zu Abenteuerspielplätzen statt, die Kinder physisch und psychisch herausfordern. Gebaut werden diese von dem Unternehmen, das auch die Spielgeräte zum 'Erfahrungsfeld der Sinne' herstellt. An verschiedenen Stationen können die Menschen ihre Sinne bewusst erkennen und erleben. Ein solches 'Erfahrungsfeld' wurde unter meiner Federführung in Immerath/Vulkaneifel aufgebaut. ⇒ Parcours der Sinne

Der Schöpfer des Erfahrungsfeldes, Hugo Kükelhaus, wandte sich gegen die Verkümmerung der natürlich gegebenen Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung. Technisierung und vor allem Digitalisierung bedeuten, dass sich zwischen Umwelt und Sinne künstliche Apparaturen schieben, die Entlastung von körperlichen Tätigkeiten und Erweiterung unseres Erlebnisraums versprechen. Tatsächlich isolieren sie uns von unserer Umwelt und den anderen Menschen, und letztlich von uns selbst und den uns gegebenen Möglichkeiten.

Balance ist ein weiterer Sinn, der mit dem Risikosinn in enger Verbindung steht. Risikosinn und Balance entwickeln sich durch intensive komplexe körperliche Betätigung, wie sie beim Laufen auf unebenem Boden, Klettern auf Bäume oder an Seilen, Balancieren z.B. auf einer Slackline oder durch Jonglieren entsteht. Das körperliche Sich-Erproben in der Kindheit ist in den letzten Jahren auch aufgrund fehlender Bewegungsräume rückläufig. Der Mangel an freier(!) Bewegung z.B. aufgrund zu wenig Sportuntericht oder Elterntaxi ist eklatant.

Die Entfaltung der Sinne zu erleichtern bedeutet nicht, mehr Programme zu verabschieden, sondern weniger zu tun: weniger Kontrolle aus zu viel Sicherheitsbedürfnis. Allen voran müssen die Eltern ihr Kontrollbedürfnis abbauen. Erfahrungsfelder bieten Übungsmöglichkeiten, aber das beste Übungsfeld ist das selbst gestaltete Erlebnis in Umwelt und Natur. Ganz aktuell dazu die Jazzkantine mit 'Lass sie doch' ⇒ link zu youtube